Viele Partner sind überfordert

Diese paradoxe Einstellung macht ein Zusammenleben mit Borderlinern so schwierig: Einerseits klammern sie sich an ihren Partner, andererseits ziehen sie sich schnell von ihm zurück. Für den anderen ein schwer zu ertragener Zustand. Viele Partner sind überfordert, wollen nicht schuld sein an der Unzufriedenheit des Geliebten, nicht die Verantwortung für sein Handeln tragen.
"Die Borderliner bewerten alles aus ihrer jeweiligen Gefühlslage heraus", sagt Manuela Rösel, die schon mehrere Ratgeber für Partner von Borderlinern geschriebenhat. Da die Betroffenen oft nicht wissen, wer sie wirklich sind, verlieren sie sich in ihrem Gefühlschaos. Deshalb brauchen sie jemanden, über den sie sich definieren können, sozusagen einen Spiegel. Und das ist oft der Partner. "Von ihm erwarten Borderliner, dass er zur gleichen Zeit das Gleiche fühlt wie sie", erklärt die Expertin. Tut er das nicht, versuchen sie, das jeweilige Gefühl zu provozieren. "Jemand mit dieser Störung kommt nicht damit klar, dass sein Partner ein eigenständiges Individuum ist – und nicht nur Projektionsfläche", so Manuela Rösel. Um so existenzieller erleben Menschen mit Borderline eine Trennung. Denn fehlt der Partner, fehlt das gespiegelte Ich: "Manche fühlen sich dann wie vernichtet", sagt Manuela Rösel. Weil sie glauben, nur durch den anderen leben zu können. Deswegen lassen sie den anderen nicht los und werden im schlimmsten Fall sogar zum Stalker.
Seine Verzweiflung ist nicht meine Verzweiflung

Aber wie kann man eine Liebe zu einem Borderliner leben? "Indem man sich abgrenzt", rät die Expertin, "und sich klarmacht, dass die Verzweiflung des anderen nicht die eigene Verzweiflung ist und man auch keine Verantwortung für den Partner trägt." Diese Haltung zu bewahren, erfordert eine große innere Stärke, die nicht jeder in sich trägt. Denn wer kann es schon aushalten, wenn der geliebte Mensch sich selbst verletzt, sich mit der Rasierklinge schneidet.

Warum Borderliner das tun? Um aus einem Zustand auszubrechen, in dem sie die Welt wie durch einen Schleier sehen, alles nur in blassen Farben wahrnehmen, sich nicht mehr real fühlen. Erst der Schmerz holt sie zurück ins Leben. Doch was eigentlich ein Notanker ist, kann sich auch ins Gegenteil verkehren: Fünf bis zehn Prozent aller Borderliner nehmen sich das Leben.

Aber inzwischen gibt es erfolgreiche Therapiemöglichkeiten, mit denen man die Störung zwar nicht heilen, aber in den Griff bekommen kann. Am häufigsten wird die Dialektisch-Behaviorale Therapie angewendet. Dabei geht es zuerst darum, Alternativen zu finden, wie sich Borderliner aus dem für sie unerträglichen Zustand der inneren Leere befreien können. Zum Beispiel indem sie, statt sich mit einer Rasierklinge zu schneiden, ein Gummiband auf die Haut schnalzen lassen. Im zweiten Schritt lernen sie, achtsamer zu sein – mit sich selbst und der Welt, die sie umgibt. Das ist wichtig, denn in der Achtsamkeit wohnt die Liebe.