Abtreibung: Verachtet, verheimlicht, verboten Das Recht auf Abtreibung in Europa ist längst nicht selbstverständlich. Valentina könnte noch leben, davon ist Salvatore Milluzzo überzeugt. 2016 starb seine Tochter – sie war nach einer Schwangerschaftskomplikation mit Zwillingen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Dort verweigerten ihr die Ärzte trotz akuter Lebensgefahr aus Gewissensgründen einen Schwangerschaftsabbruch. Am Ende starb neben den Ungeborenen auch die 32-jährige Mutter. 00:00 Valentina stirbt weil ihr eine Abtreibung aus Gewissensgründen verweigert wurde 07:05 Abtreibung in Italien: Gewissensentscheidung gegen Medizinische Versorgung 09:19 Abtreibung in Deutschland: Beratungspflicht & Informationsverbot 14:21 Proteste vor Beratungsstellen und Bedrohungen durch "Lebensschützer" 20:11 Abtreibung in Polen: Proteste gegen die kirchliche Bevormundung von Frauen 22:43 Ordo Iuris: Mehr "echte" Eu-Bürger durch strikt rechtskonservative Familienpolitik? 27:08 Undercover beim World Congress of Families 2019 32:38 Ohne das Wissen der Mütter: Beerdigungen für abgetriebene Kinder in Italien 34:24 Neues Gesetz in Polen kommt einem Verbot von Abtreibungen gleich 38:15 Zur Abtreibung nach Berlin: Einziger Ausweg für polnische Frauen 40:24 Abtreibung in Deutschland: Papya-Workshops für angehende Ärzte und Ärztinnen Viele Frauen, die in Italien eine Abtreibung wünschen, stoßen auf Ablehnung: 70 Prozent der Ärzte verweigern eine Mitwirkung an einem Abbruch, auch dann, wenn dieser vom Gesetz her erlaubt ist. Aber auch in Deutschland kämpfen Frauen, die einen Eingriff durchführen lassen wollen, mit erheblichen Hürden, gerade in ländlichen Gebieten. Im katholischen Münster gibt es kaum noch Ärzte, die bereit sind, einen Eingriff durchzuführen. Eine Mutter, die sich nach reiflicher Überlegung gegen ein weiteres Kind entschieden hat, erzählt, dass sie auf dem Weg zur Pflichtberatung an einer Gruppe betender Männer vorbei musste, die sie als Sünderin bezeichneten. Für den Eingriff selbst blieb ihr nur der Weg ins etwa 90 Kilometer entfernte Bielefeld. Die Frauenärztin Kristina Hänel betreibt in Gießen eine Praxis, seit Jahren beschäftigt sie ein prominenter Rechtsstreit. Die Informationen auf ihrer Webseite, wie bei ihr ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden kann, wird von Abtreibungsgegnern und Staatsanwaltschaft als Werbung gewertet. „Ich als Ärztin erfülle einen Staatsauftrag. Aber ich darf die Frau nicht aufklären, öffentlich“, erklärt sie. Trotz Gesetzesänderung ist es für Ärztinnen und Ärzte nach wie vor hoch problematisch, Patientinnen zu informieren, ohne mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu geraten. Die Folge: Ärzte ziehen sich aus diesem Gebiet der medizinischen Versorgung zurück. In Polen demonstrieren Frauen seit vergangenem Herbst gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts. Ein Schwangerschaftsabbruch ist dort inzwischen auch dann verboten, wenn der Fötus schwerste Fehlbildungen aufweist. Marta Lampert organisiert seit Monaten den Protest gegen die PiS-Regierung und die ultrakonservative christliche Lobbyorganisation Ordo Iuris. Sie wehrt sich gegen die kirchliche Bevormundung von Frauen: „Unsere Bewegung ist die Antwort auf eine patriarchale Kultur, auf einen patriarchalen, fundamentalistischen Staat, der Frauen besonders schlecht behandelt.“ Journalist Adam Ramsey hat sich 2019 auf einen internationalen Kongress von rechtskonservativen Politikern, christlich-fundamentalistischen Kirchenvertretern und selbsternannten "Lebensschützern" eingeschleust, die einen Krieg gegen die "natürliche Familie" heraufbeschwören. Für die Story „Abtreibung in Europa“ begleiten Peter Onneken und Diana Löbl Frauen, Ärzte und Aktivisten in Europa. Und fragen: Wie sehr ist Abtreibung noch immer ein Tabu? Wie sehr wird Abtreibung verachtet, verheimlicht oder verboten? ______ Nachtrag ______ Die Ampelkoalition plant den §219a zu streichen, der es Ärztinnen und Ärtzten verbietet, öffentlich Informationen über einen Schwangerschaftsabbruch bereitzustellen. Dann könnten sich Frauen in Deutschland einfacher darüber informieren, wer Abtreibungen anbietet und wie diese durchgeführt werden.