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Sexualisierte-Gewalt

Aufmerksam sein: Sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte

Aufmerksam sein: Sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte

Liest man den Begriff "sexueller Missbrauch", denkt man fast unweigerlich an die katholische Kirche. Zu oft kamen in den letzten Jahren neue Skandale ans Licht, ob in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder im Rest des Landes. Statt lückenloser Aufklärung folgten meist Schuldzuweisungen und Herumlavieren. Zuletzt ermittelten Gutachter allein im Bistum Münster über 600 Opfer, die Dunkelziffer schätzen sie auf das Acht- bis Zehnfache.

Doch nicht nur in der Kirche in ganz Deutschland ist sexueller Missbrauch ein großes Problem. Besonders betroffen sind davon Kinder: Im Kalenderjahr 2022 kam es zu rund 138.000 sexuellen Übergriffen, so eine HochrechnungUnd das alleine in Deutschland. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass eine Million der 13 Millionen Kinder in unserem Land betroffen sind. Es ist eine entsetzlich hohe Zahl.

Wer glaubt, dies alles sei sehr weit weg von der eigenen Lebenswelt, der irrt. In einer durchschnittlichen Hausarztpraxis ist statistisch gesehen jede zehnte Frau und jeder 20. Mann ein Missbrauchsopfer. Gerade deshalb ist es wichtig, in jeder Sprechstunde aufmerksam und sensibel auf Anzeichen zu achten.


„Nur die wenigsten Opfer sexueller Traumatisierung berichten von sich aus über ihre Erfahrungen.“


Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier

Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité


Den Betroffenen fällt es oft schwer, von sich aus über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen, weiß Prof. Klaus Beier vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité. "Nur die wenigsten Opfer sexueller Traumatisierung berichten von sich aus über ihre Erfahrungen", erklärt Beier. Oft sei ihnen der Zusammenhang gar nicht bewusst. Wer mit Herzkreislaufbeschwerden in die Praxis kommt, denkt eher an die Gegenwart als an die Vergangenheit. Dabei kann die Ursache eine neurobiologische Veränderung des Stresssystems sein, hervorgerufen durch den Missbrauch in Kindertagen. Die Folge: dauerhafter Stress ohne Entspannungsphasen. Um Traumata und Folgeerkrankungen richtig behandeln zu können, sind demnach die Ärzt:innen gefragt.

Viele Mediziner:innen scheuen trotzdem davor zurück, das schwere Thema Missbrauch anzusprechen. Welche Reaktionen kann eine Frage auslösen, wie ist damit umzugehen? Experte Beier rät dennoch dazu, das Thema im Hinterkopf zu behalten und gegebenenfalls anzusprechen. Niederschwellige Hilfsangebote wie Flyer oder Poster im Wartezimmer können genauso helfen, sich dem Thema zu nähern wie später im Gespräch der Einsatz von Türöffner-Fragen zur Partnerschaft oder der gelebten Intimität. Deutet sich dabei mehr an, sollten Ärzt:innen die Betroffenen zu einer Aufarbeitung motivieren.

Mein Tipp für alle, die sich zum Thema Missbrauch weitergehend informieren wollen: Die Charité bietet Online-Seminare für Hausärzt:innen an, um sie auf solche Gesprächssituationen vorzubereiten. Informationen dazu finden Sie auf der Website.

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       am
Wed. Jul. 2022
      von
Alaska1966

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